Experteninterview mit Dirk Jan De With

Nachhaltigkeit im Supply Chain Management und Einkauf der Chemieindustrie

HÖVELER HOLZMANN durfte Dirk Jan de With und das Einkaufsteam von Covestro bei der Entwicklung und Implementierung der globalen Einkaufsstrategie unterstützen. Bei dem Projekt spielte die Verankerung von Nachhaltigkeit nicht nur in der Strategie, sondern in den Einkaufsprozessen eine wesentliche Rolle. Wir können daher aus der eigenen Zusammenarbeit sagen, dass das Thema für Dirk Jan de With eine Herzensangelegenheit ist, die bei Covestro ihren Weg von der Strategie in die tägliche Arbeit mit Lieferanten, internen Stakeholdern und Kunden gefunden hat. Bis zum letzten Jahr war er CPO bei Covestro und zuvor Vice President Procurement bei Unilever.

Da Nachhaltigkeit in den letzten fünf Jahren unbestreitbar an Relevanz zugenommen hat, haben wir uns mit ihm über Hilfestellungen und die Verankerung des Themas Nachhaltigkeit im Supply Chain Management und Einkauf in der Chemieindustrie unterhalten.
 

Es ist unbestritten, welch hohe Relevanz das Thema Nachhaltigkeit für große Konzerne aber auch kleine und mittelständische Unternehmen hat. Wie hast du diese Entwicklung insbesondere in der Chemieindustrie in den letzten fünf Jahren wahrgenommen?

Dirk Jan: In der Chemiebranche hat sich viel zum Positiven verändert: Nachhaltigkeit wird nicht mehr nur als Kostentreiber angesehen. Unternehmen haben erkannt, dass das Thema einen positiven Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit leistet, z.B. indem auf weniger und leichtere Materialien gesetzt wird, die zudem eine bessere Funktionalität mit sich bringen, als die traditionell verwendeten Materialien. Natürlich kostet diese Umstellung am Anfang Geld und Zeit. Doch langfristig ist dies der einzig sinnvolle Weg, um ein positives Unternehmenswachstum zu garantieren. 

Ein Beispiel hierfür ist die Zugkraft von „Together for Sustainability“, eine Initiative der Chemieindustrie, die bereits aus 33 Mitgliedsunternehmen besteht. 

Hast Du konkrete Beispiele aus Deiner Zeit als Chief Procurement Officer bei Covestro, bei der solch eine nachhaltige Alternative ein Wegbereiter war, um die Wettbewerbsfähigkeit zu steigern?

Dirk Jan: Mir fällt direkt ein Beispiel ein, bei dem mich die Magie der Chemie fasziniert hat: Covestro hat in Zusammenarbeit mit der RWTH Aachen einen Katalysator entwickelt, der es ermöglicht, den Kohlenstoff von CO2 bei der Fertigung von Materialen zu verwenden und damit die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen verringert. So wird CO2 in der Wertschöpfungskette weiterverwendet. Das ist für mich die Kraft der Chemie und genau solche Lösungen sind es, die wir heutzutage brauchen. Zudem hat Covestro beispielsweise Materialien für die Rotorblätter von Windkrafträdern und für die Batterieummantelung von Elektrofahrzeugen entwickelt. 

Und welche Rolle spielt die Einkaufsabteilung bei der Erreichung der Nachhaltigkeitsziele in Unternehmen?

Dirk Jan: In der Chemieindustrie kann der Einkauf mehr als 50 Prozent des CO2-Fußabdruckes beeinflussen. Darunter fallen Emissionen der Emissions-Kategorie 2 (Scope 2), das heißt die Senkung von Emissionen aus der Nutzung von Energie, die eingekauft wird. Ebenfalls beeinflusst der Einkauf den Scope 3, d.h. die Emissionen, die aus Aktivitäten hervorgehen, die nicht direkt im eigenen Unternehmen entstehen. Zum Beispiel der CO2-Fußabdruck von Rohstoffen, die eingekauft werden.  

Auch Abfall müssen wir als ein sehr wertvolles Material betrachten, denn er beinhaltet viele recyclebare Materialien, und wiederum den Baustein Kohlstoff, welcher wiederverwertet werden kann. Diese Wiederverwendung ist das perfekte Beispiel für die Circular Economy: Das Recycling von benutztem Material zur Herstellung von neuem Material. Der Einkauf als Bindeglied zwischen Lieferanten und Business Units sowie als Multiplikator von Lieferanteninnovationen in die eigene Organisation ist hier in einer absoluten Führungsrolle. 

Und wie können Einkaufsabteilungen am besten messen, wie nachhaltig ihre Beschaffung innerhalb des Supply Chain Managements ist? Kannst Du ein Framework empfehlen, mithilfe dessen Unternehmen messen können, wie sie im Vergleich zum Wettbewerb stehen?

Dirk Jan: Für mich fängt es damit an, dass Unternehmen erwarten, dass ihre Lieferanten ihre Geschäfte unter denselben nachhaltigen und sozialen Aspekten führen, wie sie es selbst tun. Dafür kann man ein Assessment durchführen, um herauszufinden, wie nachhaltig und fair Lieferanten wirtschaften. Wenn er dieses Assessment für alle Lieferanten durchführt, erhält eine Übersicht, wie viele Lieferanten bereits nachhaltig agieren und welche Verbesserungsbedarf haben.

Genau hier hilft „Together for Sustainability“ dies effizient und effektiv zu prüfen! Ein zweiter Aspekt, der vergleichsweise einfach zu messen ist, ist der Anteil an eingekaufter erneuerbarer Energie. Und ein dritter Aspekt ist der Anteil von recycelten Materialien sowie von Produkten, die auf Biomasse o.ä. basieren. 

Welchen Rat würdest Du Einkaufsleitern geben, bspw. im Mittelstand, die sich dem Thema Nachhaltigkeit zum ersten Mal systematisch widmen und grundlegend etwas ändern möchten? 

Dirk Jan: Das aller Wichtigste ist die Strategie. Dazu muss man sich zuerst fragen, wie die aktuelle Unternehmensstrategie aussieht: Wurde Nachhaltigkeit hier schon bewusst berücksichtigt? Und wenn nein, wie können wir das Thema hier verankern? Und wie können wir auf eine nachhaltige Art und Weise einen positiven Beitrag für unsere Kunden leisten? Erst aus dieser Unternehmensstrategie kann die Einkaufsstrategie abgeleitet werden. Mit einem klaren Ziel und einer Strategie, wie dieses Ziel erreicht wird, welche Maßnahmen erforderlich sind und mithilfe welcher KPIs Erfolge gemessen werden. Das ist super motivierend für alle Beteiligten.

Wichtig ist hierbei, dass die Geschäftsleitung das Vorhaben uneingeschränkt unterstützt und alle Mitarbeiter:innen motiviert. Zudem müssen alle bereit sein, neue Risiken einzugehen. Ein Beispiel ist der Einkauf von erneuerbaren Energien: Klingt einfach, ist er aber nicht. Denn ihr Einkauf beinhaltet wiederum neue Risiken. Deshalb muss die Einkaufsabteilung eng mit der Finanzabteilung zusammenarbeiten, um diese Risiken zu verstehen und zu bewältigen. Ein Beispiel ist der mehrjährige Vertragsschluss – hier muss man die bei Vertragsabschluss nicht vorhersehbare Preisentwicklung miteinkalkulieren. 

Wie ist es Dir in Deiner Zeit bei Covestro gelungen, Deinen rund 400 Mitarbeiter:innen im Einkauf die enorme Bedeutung von Nachhaltigkeit verständlich zu machen, und ihnen aufzuzeigen, dass es sich hierbei nicht nur um einen administrativen Mehraufwand handelt?

Dirk Jan: Das Wichtigste ist, dass jeder in der Einkaufsabteilung und im gesamten Unternehmen versteht, warum das Thema Nachhaltigkeit von höchster Bedeutung ist und welcher enorm positive Beitrag dadurch erzielt wird. Wenn Mitarbeiter:innen diese Vision verstehen, ist es sehr inspirierend für sie, Teil dieses Weges zu sein. Wir sehen alle, was um uns herum geschieht: 15 Grad im Januar sind kein Normalzustand – ganz zu schweigen von der Überschwemmung letztes Jahr im Ahrtal. Mitarbeiter:innen müssen verstehen, welchen positiven Beitrag sie mit ihrer Arbeit leisten können.

Letzte Frage: Was werden Deiner Meinung nach in der Zukunft die treibenden Faktoren sein, um den Einkauf nachhaltig zu gestalten? 

Dirk Jan:  Nur zwei Wörter: Leidenschaft und Mut. Das brauchen wir!

 

Über Dirk Jan De With:
Dirk Jan arbeitete über 25 Jahre bei Unilever mit Führungsverantwortung im Einkauf und Supply Chain Management u.a. als Vice President Procurement im Bereich Ingredients & Sustainability, bevor er 2015 als Chief Procurement Officer zu Covestro wechselte. Seit Mitte 2021 ist er als unabhängiger Berater mit dem Schwerpunkt auf Nachhaltigkeit im Einkauf und Supply Chain Management tätig. Der starke Nachhaltigkeitsgedanke zog sich während seiner beruflichen Laufbahn wie ein roter Faden durch seinen Lebenslauf. Dies spiegelt sich unter anderem in seinem Engagement als Mitglied der Lenkungsgruppe von Together For Sustainability, als Präsident der Sustainable Agriculture Initiative oder seiner Unterstützung des Sustainable Procurement Pledge wider.

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